Format

Die Ehre ein Geheimtipp zu sein

Zu kurz für einen Langfilm, zu lang für einen Kurzfilm? Kein Problem, der Königsweg heißt MITTELLANG (im Englischen medium-length, im Französischen moyen-métrage und im Spanischen Mediometraje genannt). Filme zwischen ca. 22 und 65 Minuten lassen sich zwar in kein Format pressen, sind aber gerade deshalb die perfekte Spielwiese für innovatives Erzählen und Experimentierfreude.

Was macht den Mittellangen Film so besonders? Es gibt nicht wenige, die ihn als DIE filmische Kunstform schlechthin benennen, wenn es um die Zukunft des Films geht. Hier sei „der neue deutsche Autorenfilm“ zu entdecken, wird z.B. Urs Spörri bei den jährlichen Veranstaltungen im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt nicht müde zu betonen. Es verwundert Kenner nicht, dass die Qualität vieler mittellangen Filmen meist besser als die von Langfilmen ist, denn sie tragen noch zu 100 Prozent die Handschrift ihrer Macher. Sie sind unabhängiger, mutiger, konsequenter, künstlerisch ambitionierter, weil sie sich keinen Konventionen unterwerfen müssen. Bedingt durch die Tatsache, dass der Großteil noch jenseits von Förder- und Fernsehanstalten entsteht, bzw. deren Einfluss eher gering und im Hintergrund bleibt, haben Filmemacher hier die Möglichkeit, ihrer Haltung treu zu bleiben und ihre eigene Erzähl-Philosophie deutlich erkennbar durchzusetzen. Insofern kann man also sehr wohl vom „Neuen Deutschen Autorenfilm“ sprechen.

Es kommt nicht auf die Länge an

Wir – der Vorstand des „Forum für Mittellange“ – beschäftigen uns seit 2006 eingehend mit dem Phänomen dieser Erzähllänge, und haben innerhalb unserer Auswahlarbeit für Festivals die komplette Bandbreite der Jahresproduktionen deutschsprachiger mittellanger Filme sehen und studieren können, seien es nun Filme von Hochschulen oder frei produzierte. Dabei haben wir festgestellt, dass es nicht immer nur auf die tatsächliche Länge eines Films, sondern in erster Linie auf seinen Erzählaufbau ankommt. Zum Beispiel kann ein Film von 25 Minuten Länge aufgrund seiner pointierten Dramaturgie noch ein Kurzfilm sein, wohingegen ein Film von 24 Minuten – also de facto eine Minute kürzer – aufgrund seines Fokus auf Atmosphäre und der Entwicklung von Figuren, seiner detaillierten Charakterzeichnung, dem größeren Bogen, mit dem er zum Erzählen ausholt oder seine Öffnung für Nebenhandlungen eindeutig der Kategorie der mittellangen Filme zugerechnet werden.

Fluch und Segen

Kaum zu glauben, aber es gibt auch Regisseure mittellanger Filme, die es nur ungern sehen, wenn ihrem Film dieser Stempel aufgedrückt wird. Lieber gehen sie als Kurzfilm durch, denn da – so denkt man gemeinhin in der Branche – sind die Chancen auf Preise und Festivalteilnahmen höher, die Verwertungsmöglichkeiten innerhalb von Kompilationen und anderen Release-Formen besser. Viele wissen aber bereits, dass das Label „mittellang“ nicht zwingend hinderlich sein muss für die Karriere. Viele Produzenten und Redakteure z.B. nehmen Mittellang-Filmer deutlich ernster, wenn es darum geht, ihnen auch mal ein Langfilmdebüt anzubieten. Für sie ist es nun mal ein Unterschied, ob sich jemand mit Erfolg an einem 7-Minüter mit vielleicht 3 Drehtagen bewährt oder bereits bewiesen hat, dass er ein Film-Set mit sämtlichen Gewerken auch über einen längeren Zeitraum im Griff hat.

Der ersten Fraktion muss man dennoch in einem Punkt recht geben: Bislang waren die Verwertungsmöglichkeiten für mittellange Filme eher gering: Kino- und DVD-Start fanden nur die wenigsten (u.a. die Ophüls-Gewinner „Torpedo“ von Helene Hegemann und „Rammbock“ von Marvin Kren – beide verliehen über Filmgalerie 451), das Fernsehen versendet sie – wenn überhaupt – quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit nach Mitternacht.

Stiefkinddasein adé

Schade, dass der mittellange Film bislang in unserer Gesellschaft nicht den ihm gebührenden Stellenwert hat. Das mag daran liegen, dass man mit mittellangen Filmen außerhalb von Serienformaten kaum Geld verdienen kann. Diese Filme entstehen aus Leidenschaft, nicht aus kommerziellen Gründen.  Dennoch sind wir davon überzeugt, dass man die öffentliche Wahrnehmung mittellanger Filme fördern kann. Viele Titel gibt es bereits jetzt gratis im Internet zu sehen, aber keiner weiß es und kann daher auch keinen Gebrauch davon machen. Wir möchten regelmäßig einen bereits bei Youtube oder Vimeo o.ä. Kanälen erhältlichen Film sowohl auf unserer Webseite als auch über unsere Social-Media-Kanäle vorstellen und so auch neu nachwachsendem, potentiellem Publikum Lust aufs Anschauen machen, bzw. Kennern Filme wieder ins Gedächtnis rufen und so das Schaffen der Filmemacher vor dem Vergessen bewahren.

Des weiteren sehen wir in Zeiten von SVoD (steht für Subscription Video on Demand), also Anbietern wie Netflix, Amazon Prime und Sky Ticket, die für eine feste mtl. oder jährliche Gebühr für den Zuschauer Inhalte bereit halten, die Möglichkeit der Optimierung der Verwertung mittellanger Filme. Denn anders als beim Vertrieb über Kino oder Datenträger spielt hier die Länge eines Films aufgrund des Wegfalls der individuellen zugunsten einer allgemeinen Gebühr keine Rolle mehr. D.h. sowohl dem Anbieter als auch dem Zuschauer kann die Länge eines Films egal sein, solange Qualität und Popularität gegeben sind. Hier wollen wir bei den jeweiligen Anbietern verstärkt um die Aufnahme mittellanger Filme in ihr Angebot werben.

Auch die deutschen Filmfestivals messen dem mittellangen Film leider immer noch viel zu wenig Bedeutung bei. Auch wenn z.B. das Filmfestival Max-Ophüls-Preis, die Hofer Filmtage, das FilmZ in Mainz, die Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale oder das Kinofest Lünen mittlerweile mittellange Filme zeigen, so gibt es doch – anders als z.B. in Frankreich (Festival du Cinema de Brive) oder Spanien (La Cabina in Valencia) – in Deutschland kein einziges Festival, das sich ausschließlich dem MITTELLANGEN Film widmet. Kurzfilmfestivals findet man in Hamburg, Berlin, München, Köln, Oberhausen, ja fast in jeder Stadt mit Parkhaus, aber Mittellang? Fehlanzeige. Bis jetzt! Denn in 2018 will das neu gegründete „Forum für Mittellange Filme“ den Anfang machen:

Vorhang auf

für „The Big Shorts“! Eine Werkschau, die sich über ein ganzes Wochenende erstreckt und ihr Augenmerk auf jene Filme legt, die woanders zu kurz kommen, und das völlig zu unrecht. Denn mittellange Filme lassen im Gegensatz zu Kurzfilmen meistens viel größere Reife erkennen und sind trotzdem von einer enormen Erzählkraft und Experimentierfreude angetrieben, gehen Wagnisse ein, die man sich bei so manchem Langfilm wünschen würde. Sie nehmen sich die Freiheit, genau solange zu erzählen, wie es ihre Geschichte verlangt – sie kürzen nichts Wichtiges weg und ziehen nichts unnötig in die Länge. Sie haben die Chance zum perfekten Film.

Mehr zum Thema „The Big Shorts“ erfahrt Ihr schon bald auf dieser Seite. Gerne halten wir Euch auch per Newsletter auf dem Laufenden, dazu schickt bitte einfach eine Mail mit dem Betreff „Newsletter“ an marisa@mittellang.com

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